Wie stark heben sich eure Charaktere voneinander ab?

Ich habe 2019 einen kleinen Ratgeber für Schreibanfänger veröffentlicht. Hier mal ein Auszug daraus:

7. Unwichtige Details weglassen

Das Hobby des Protagonisten, der Beruf der Eltern oder der Pickel auf der linken Arschbacke sind Informationen, die der Leser nicht braucht. Wer braucht ausschweifende Informationen über die Wohnung, in der das Geschehen stattfindet? Möchte ich skizzieren, dass eine junge Frau ihrem Gast einen Cocktail anbietet, muss ich nicht das Rezept zur Herstellung herunterbeten. Beschreibe ich die Kleidung des Charakters, sollte es keine Rolle spielen, wo diese erworben wurde, welcher Preis gezahlt wurde oder ob ein Fair-Trade-Label angebracht ist.

Leser möchten sich nicht langweilen. Auch wenn man glaubt, die Personen für mehr Atmosphäre genau beschreiben zu müssen, sollte man immer im Auge behalten, ob das Beschriebene wichtig ist und ob es für den weiteren Verlauf der Geschichte notwendig wäre. Falls nicht, gründlich überlegen, ob man nicht besser auf ausschweifende aber entbehrliche Beschreibungen verzichten kann.


Was ich damals geschrieben habe, kann ich auch heute noch zu 100% unterschreiben.

swriter
 
Und ich glaube, dass es auch zu 100% auf deine Art Geschichten passt - was ja auch immer meine Aussage war: Nicht: ist toll, musste machen, sonst ist es nicht so toll, sondern: muss passen.

Was Überflüssigkeit generell angeht: gebe ich dir recht. Wie ein (professioneller) Autor mal formuliert hat: Jedes Wort muss sich seinen Platz verdienen. Aber so einfach ist es eben nie, beziehungsweise es ist subjektiv. Nehmen wir Tolkien, weil das irgendwie ein Standardbeispiel ist: die einen hassen seine ausufernden Schilderungen der Landschaft und Umgebung, die andern lieben ihn dafür 🤷‍♂️
 
Diesen Kommentar habe ich vor wenigen Stunden für meine aktuelle Geschichte erhalten:

"Es ist immer wieder angenehm eine Geschichte zu lesen, die diesen Namen auch verdient. Wenn der Autor erzählen bzw. schreiben nicht nur als Aneinaderreihung von Schlagworten versteht, wen er den Handelnden auch so etwas wie Charakter und Vielschichtigkeit verleiht. Dann kann der Leser sich auch in die Geschichte hineinversetzen und sich je nach Vorlieben mitleiden oder mitfreuen.
Danke."

Möglicherweise verpasse ich, ohne es bewusst voranzutreiben, meinen Geschichten doch so etwas wie eine Charakterisierung und Tiefgang. Oder der Leser hat sich beim Autor vertan ...

swriter
 
Ich verstehe, worauf du hinaus möchtest. Dennoch frage ich mich, inwieweit die Ausgestaltung des Gesprächs (ob nun Tankstelle oder auch woanders) einen Einfluss auf den Verlauf der Handlung meiner Geschichte haben könnte. Sehr wahrscheinlich werden Kunde und Tankstellenmitarbeiter keinen Sex miteinander haben. Und wenn doch - inwieweit ist es relevant, ob der Kunde Zigaretten oder Kaugummis haben wollte?

Die Ausgestaltung eines Gesprächs hat keinen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Wer möchte, kann durch die Ausgestaltung des Gesprächs auf subtile Weise dem Leser Informationen über ein oder mehrere Personen geben. Dies ist eine Möglichkeit. Man muss es nicht auf diese Art tun. Jeder kann seine Geschichte so schreiben wie er es für richtig hält. Es wäre ziemlich langweilig, wenn alle den gleichen Stil hätten. Ich finde es wichtig zu unterscheiden zwischen dem Stil und Merkmalen, die die Qualität einer Geschichte betreffen.

Eine Erzählweise, die straff ist und kaum Details und Hintergrundinformationen bietet, ist weder besser noch schlechter als eine Erzählweise mit vielen Details und Hintergrundinformationen. Sowohl die eine als auch die andere Art und Weise zu Erzählen kann vom Autor gut oder schlecht umgesetzt werden.
 
Die Ausgestaltung eines Gesprächs hat keinen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte. Wer möchte, kann durch die Ausgestaltung des Gesprächs auf subtile Weise dem Leser Informationen über ein oder mehrere Personen geben. Dies ist eine Möglichkeit. Man muss es nicht auf diese Art tun. Jeder kann seine Geschichte so schreiben wie er es für richtig hält. Es wäre ziemlich langweilig, wenn alle den gleichen Stil hätten. Ich finde es wichtig zu unterscheiden zwischen dem Stil und Merkmalen, die die Qualität einer Geschichte betreffen.

Eine Erzählweise, die straff ist und kaum Details und Hintergrundinformationen bietet, ist weder besser noch schlechter als eine Erzählweise mit vielen Details und Hintergrundinformationen. Sowohl die eine als auch die andere Art und Weise zu Erzählen kann vom Autor gut oder schlecht umgesetzt werden.
Es hängt auch viel vom jeweiligen Leser ab. Ich fühle mich regelmäßig von ellenlangen Beschreibungen genervt und möchte rasch in der Handlung voranschreiten. Andere können von Details nicht genug bekommen.
Insofern kann es hier kein richtig oder falsch geben, denn rechtmachen kann man es ohnehin nicht allen. Für meinen Geschmack schwingen bei manchen Kritiken auch zu oft persönliche Vorlieben mit. Die sinnvollste Lösung aus meiner Sicht wäre, es so zu machen, wie es für einem am besten passt. Wenn man damit den Mainstream nicht erreicht - Pech gehabt, aber man bleibt sich treu.

swriter
 
Es kann in einer Erzählung Szenen geben, die für den Verlauf der Handlung nicht relevant sind, die aber dennoch nicht nutzlos sind. Ob man solche Szenen schreibt oder nicht, ist eine Frage des Stils und ob es zu der Geschichte passt. Ich habe solcher Art Szenen schon das ein oder andere Mal verwendet, um den Charakter einer Person zu illustrieren.
 
Ich denke, es geht darum, für den Leser eine ausreichende Tiefe in der Geschichte zu schaffen. Eine, die ihn auf der anderen Seite nicht überfordert, sondern ihm genügend direkte oder indirekte Informationen bietet, um für ihn die richtige Stimmung zu erzeugen. Da ist für mich zum Beispiel der Dialog zwischen den Figuren extrem wichtig. Gerade weil man nicht jedes Mal den Namen schreiben will.

"Komm, zieh dich aus."

"Ja, zieh mich aus, ich bin total geil."

"Gefällt es dir?"

"Ja, es ist toll. Du fühlst dich gut an!"

Für mich zu schwierig. Ich fühle die Personen nicht ausreichend.



"Es ist viel zu warm hier drin, als dass du noch was anhast."

"Meinst du? Was machst du aber, wenn ich friere?"

"War es schön für dich?"

Schweigen. Eine sanfte Berührung ihrer Hand, gefolgt von einem Lächeln, das ihre vollen Lippen formten. Sie hob den Kopf, drückte ihren Mund auf seinen, forderte eine Reaktion mit ihrer Zunge, dann löste sie sich wieder von ihm, nach einem sinnlichen Reigen.

Beste Grüße

Japakl
 
"Komm, zieh dich aus."

"Ja, zieh mich aus, ich bin total geil."

"Gefällt es dir?"

"Ja, es ist toll. Du fühlst dich gut an!"

"Es ist viel zu warm hier drin, als dass du noch was anhast."

"Meinst du? Was machst du aber, wenn ich friere?"

"War es schön für dich?"

Gehört dieser Teil nur zum unteren Beispiel oder auch zum oberen?

Wenn es nur zum unteren Beispiel gehören würde, wäre ein Vergleich der beiden Dialoge nicht unvoreingenommen möglich.

Wenn es nur um die beiden Dialoge ginge, dann würde ich sagen es sind Menschen, die im Bett eine unterschiedliche Sprache haben. Der obere Dialog ist durch das Wort „geil” etwas frivoler und das „total” in Verbinding mit „geil” lässt eher auf Menschen unter 60 oder eher noch unter 40 schließen. Muss aber nicht unbedingt so sein. Die Protagonisten im oberen Dialog sind direkt in ihrer Kommunikation. Dagegen ist der untere Dialog verspielter und weniger direkt.

Dialoge beim Sex, die sich einer sehr vulgären Sprache bedienen, erinnern eher an Pornos und wirken dadurch gekünstelt
 
Ich hatte es als eigenes, unabhängiges Beispiel verstanden. Wobei ich sagen muss, Sexszenen gehören eh zu den schwersten Stellen, und jede Art von begleitendem Dialog steigert die Schwierigkeit nochmals. Also so was hier:

"Oh Gott, oh Gott, ja, jaahhh....! Du bist so gut. Besorg es mir!"

braucht keiner, oder?

Andererseits ist das betont Verniedlichende auch nicht leicht zu ertragen. Ich glaube, das lebt von der Auslassung, und davon, mit wenig Andeutungen eine Szene zu schaffen, die der Fantasie des Lesers gerade genug Grundlage gibt.
 
Ich hatte es als eigenes, unabhängiges Beispiel verstanden. Wobei ich sagen muss, Sexszenen gehören eh zu den schwersten Stellen, und jede Art von begleitendem Dialog steigert die Schwierigkeit nochmals. Also so was hier:

"Oh Gott, oh Gott, ja, jaahhh....! Du bist so gut. Besorg es mir!"

braucht keiner, oder?

Andererseits ist das betont Verniedlichende auch nicht leicht zu ertragen. Ich glaube, das lebt von der Auslassung, und davon, mit wenig Andeutungen eine Szene zu schaffen, die der Fantasie des Lesers gerade genug Grundlage gibt.
Dann wäre der nächste logische Schritt die Eröffnung eines neuen Threads mit dem Thema "Wie beschreibe ich einen Höhepunkt in einer Geschichte?" oder "Welcher Dirty Talk ist eher peinlich als anregend?" ;)

Könnte eine interessante Diskussion werden.

swriter
 
in den letzten paar Tagen habe ich (unter anderem) Hans Dominiks 'Himmelskraft' gelesen (in der 197x - Ausgabe). Ok - ist jetzt alles andere als zeitgemäße SciFi :alien: , aber es passt gerade in diese Diskussion.

Während sich die Wissenschaftler und andere "Herrschaften" auf einem guten sprachlichen Niveau bewegen, gibt er Arbeitern oft eine einfache Sprache mit Dialekt. Oder Besuchern aus anderen Ländern einige passende Füllwörter wie z. B. "Well, Man" bei einem Amerikaner.

In diesem speziellen Fall lässt er einige so extrem im Dialekt sprechen, dass ich nichtmal herausgefunden habe, wo das in D verortet ist. Geschweige denn jedesmal verstanden, was die Figur sagt. Das war schon sehr unangenehm zu lesen, meistens habe ich den Part einfach übersprungen. Kann sein, dass das vor 90 Jahren, als der Roman entstand, anders war, mir war es stellenweise zuviel.

In anderen Romanen von H. D. kommt das nicht so krass 'rüber.
 
Ich liebe das! Wenn Protagonisten Lispeln, irgendwelche Worte ständig in ihrem Sprech einstreuen, oder eine Mundart verwenden. Das schafft für mich ein unglaubliches Bild. Leider reicht da mein Talent nicht aus, um ähnliches zu schaffen. Es gibt Unterschiede, aber eben nicht wesentliche. Eigentlich sehr schade.

Schönes WE!

Japakl
 
Ich habe 2019 einen kleinen Ratgeber für Schreibanfänger veröffentlicht. Hier mal ein Auszug daraus:

7. Unwichtige Details weglassen

Das Hobby des Protagonisten, der Beruf der Eltern oder der Pickel auf der linken Arschbacke sind Informationen, die der Leser nicht braucht. Wer braucht ausschweifende Informationen über die Wohnung, in der das Geschehen stattfindet? Möchte ich skizzieren, dass eine junge Frau ihrem Gast einen Cocktail anbietet, muss ich nicht das Rezept zur Herstellung herunterbeten. Beschreibe ich die Kleidung des Charakters, sollte es keine Rolle spielen, wo diese erworben wurde, welcher Preis gezahlt wurde oder ob ein Fair-Trade-Label angebracht ist.

Leser möchten sich nicht langweilen. Auch wenn man glaubt, die Personen für mehr Atmosphäre genau beschreiben zu müssen, sollte man immer im Auge behalten, ob das Beschriebene wichtig ist und ob es für den weiteren Verlauf der Geschichte notwendig wäre. Falls nicht, gründlich überlegen, ob man nicht besser auf ausschweifende aber entbehrliche Beschreibungen verzichten kann.


Was ich damals geschrieben habe, kann ich auch heute noch zu 100% unterschreiben.

swriter

Vielleicht hilft ein Beispiel aus meinen eigenen Geschichten: Ich beschreibe durchaus Gerüche, Geräusche, sogar klebrige Fußböden. Aver nicht, weil ich glaube, dass Leser:innen unbedingt wissen müssen, wie abgestanden ein Club riecht. Sondern weil meine Protagonistin (in dem Fall Louisa) durch diesen Raum anders geht, wenn sie weiß, dass ein vibrierendes Ei in ihr ist, das jederzeit aktiviert werden kann.

Die Beschreibung ist kein Dekor, sondern Ausdruck dessen, wie sie die Welt in diesem Moment wahrnimmt. überreizt, abwartend, immer am Rand des Kontrollverlusts und kurz vor dem Orgasmus.

Für mich sind solche „Details“ dann nicht Ballast, sondern Zugang zur inneren Dynamik. Der Raum atmet mit der Figur. Und ich merke als Autor sehr schnell: Wenn ich in einer Szene nicht fühle, wie der Raum auf die Figur wirkt, dann stimmt oft der ganze Abschnitt nicht.

Deshalb: Welche Details wir beschreiben, sagt weniger über den Raum aus, aber sehr viel über unsere Figuren.



Ich glaube, hier verläuft der eigentliche Graben: Wer seine Figuren primär als Projektionsflächen für Lust schreibt, braucht wenig innere Dynamik oder differenzierte Wahrnehmung, da reicht es, dass Körper X Körper Y zum Höhepunkt bringt.

Wer dagegen seine Figuren als echte Charaktere versteht, deren Lust, Zweifel, Neugier und Scham miterzählt werden, kommt fast automatisch zu differenzierter Wahrnehmung. Das schließt kurze Szenen nicht aus, aber selbst ein kurzer Clubbesuch wirkt völlig anders, wenn ich durch den Filter einer überreizten, unsicheren, zugleich erregten Erstsemesterstudierenden blicke.

Für mich ist es kein Deko-Detail, wenn Louisa Schweiß und klebrige Böden beschreibt. Es ist der Moment, in dem ihr Körper anders reagiert als ihr Kopf, in dem Atmosphäre zur Verdichtung von Erregung, Scham und Kontrollverlust wird.

Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Geschichten nicht vom Protagonisten, sondern von einer Figur erzählt werden. Die Unterscheidung macht für mich einen Unterschied.
 
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