PoppingTom
TEH BRAIN
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So, du hast also auch die "Hitparade" geschaut?
Ein mutiges Geständnis. Jedenfalls gehörte in den 70igern Mut dazu.
Ich habs auch getan.
Das Beispiel "Schlager" ist ein gutes Beispiel für die deutsche Verkrampftheit und deutschen Pseudo-Intellektualismus.
Damals von der "Intelligenzia" bzw. denen, die sich dafür hielten, verpönt, sind die Schlager und Schlagerstars der 70iger Jahre heute Kult.
Dasselbe mit ABBA.
Damals als Bubble-Gum-Musik abqualifiziert, heute längst im Olymp der Popmusik, wo sie zu Recht auch hingehören.
Die Deutschen haben leider so ihre liebe Mühe mit Entertainment.
Das betrifft alle Bereiche; auch Musik und Literatur.
Also ich weiss nicht, wie man im damaligen Westdeutschland über Musik gedacht hat, aber im Osten musste dir nichts peinlich sein. Die Ossis waren ein dankbares Publikum, heute in ein Rockkonzert mit Bruce Springsteen, morgen in ein Punkkonzert mit Phillip Boa oder Wedding Present, übermorgen in ein Blues-Konzert mit Solomon Burke, und immer hat man abgehottet was das Zeug hielt. Hauptsache es kam aus dem Westen. Deswegen hatte auch Bob Dylan sein Konzert inn den Ostteil verlegt, als ihn in Deutschland keiner mehr hören wollte: mit einem Schlag waren hunderttausend da.
Peinlich musste dir eine Zeit lang im Osten nur sein, wenn du DT64 gehört und das noch zugegeben hast. Ohne Spinne, ich war Anfang der 80er in einem Internat, und alle haben fast ausnahmslos RIAS gehört, und sich immer geärgert, weil der Sender nie die Titel ausgespielt hat. Und ich hab die immer ausgelacht, weil DT64 gleich ganze Plattenseiten gesendet hat, ohne Unterbrechung. Wenn es um Musik ging, war der Osten einfach weiter. Es gab Quoten im Radio, und ganz gezielte Musikförderung. An der Ost-Berliner Humboldt-Uni wurde ja auch der erste Lehrstuhl für Rockmusik geschaffen. Ist alles heutzutage ein bisschen vergessen. Aber die Ostdeutschen sind in vielerlei Hinsicht musikoffener, find ich.
In Punkto Literatur kenn ich mich da etwas weniger aus. Für mich war "Die Abenteuer des Werner Holt" mein Lieblingsbuch in der Schule. Weil ich diesen ganzen Kameradschafts-Geist gut nachvollziehen konnte. Das Buch war auch eins, welches - für ostdeutsche Verhältnisse - relativ offen mit der ganzen Hitler-Zeit umging.
