No free speech in Deutschland

Frei nach Erich Kästner:

"DIE MENSCHHEIT HAT 4,5 MILLLIARDEN JAHRE GEBRAUCHT
UM ZU ERKENNEN, DASS SIE 4,5 MILLIARDEN JAHRE ALT IST."
 
Und Märchen sind meines Erachtens eine wunderbare Form Kindern kindgerecht gewisse Dinge zu vermitteln.
Was vermittelt man mit dem Märchen Hänsel und Gretel? Dass es richtig ist, Selbstjustiz zu üben? Und was mit dem Struwwelpeter? Dass man grausam bestraft wird, wenn man nicht auf seine Eltern hört?

Es gibt ja auch von literarischen Klassikern ("Lederstrumpf", "Moby Dick", etc) Jugendausgaben, die sich erheblich von den Originalausgaben unterscheiden.
Klar, die Jugend könnte sonst z.B. bei „Robinson Crusoe“ erfahren, dass der Held Sklavenhändler war, mangels Gesellschaft auf der Insel regelmäßig onanierte ("I cannot describe what I owe to this gentle art.") und später den Knaben Freitag vielleicht nicht nur als Diener benutzte.

Bis in die 50iger Jahre glaubte man noch, Schläge schaden Kindern nicht als Erziehungsmittel. Auch das hat sich Gott sei Dank geändert.
Bis in die 50er Jahre? Du bist nicht informiert – Züchtigungsrecht der Eltern wurde in Deutschland erst im Jahr 2000 abgeschafft. Und was soll dieser „Gott sei Dank“? War nicht Gott derjenige, der den Menschen gesagt hat „Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn“?

Und es ist meines Erachtens eine seltsame Verknüpfung zu behaupten, wenn wir Jugendlichen Gewaltvideos vorenthalten, würden wir ihnen scheinheilig die Welt besser darstellen, als sie durch uns Erwachsenen ist.
Wir sollten ihnen nicht einfach Gewaltvideos präsentieren, sondern ihnen offen sagen, wie diese von uns eingerichtete Welt wirklich ist. Mit anderen Worten: Wir sollten uns nicht als Heilige darstellen, weil wir das einfach nicht sind. Solange wir das nicht tun, sind wir nur scheinheilig.

Wenn die deutsche Regelung tatsächlich gegen das Grundgesetz verstößt, und dies vom höchsten deutschen Gericht unmißverständlich festgestellt wurde (wie du ausführst), dann versteh ich eines nicht: Wie kann eine Bundesregierung dann an dieser Regelung festhalten?
Weil das Bundesverfassungsgericht eine Änderung nicht angeordnet hat.

Aber wie steht es mit den Folgen dessen, was man publiziert? Mit der Selbstverantwortung dessen, was man schreibt und publiziert?
Wenn man an die Folgen denken müsste, dürfte man auch keinen Kriminalroman verfassen, in dem z.B. eine neue Art des Tötens beschrieben würde. Beispiel: Was wäre, wenn einer sich das Motiv und das Vorgehen des Mörders im berühmten Roman „Das Parfum“ zu eigen machte und in die Tat umsetzte? Wäre dann Süßkind mitschuldig an den Morden? Oder ist Goethe schuld an der Epidemie an Selbstmorden, die in Folge seines Romans „Die Leiden des jungen Werthers“ durch ganz Europa schwappte?
Wenn man sich deine Frage zu Herzen nehmen würde, dürfte man nichts mehr schreiben, denn irgendwo gibt es immer einen, der das oder jenes missverstehen oder auf sich beziehen könnte.
 
ich glaube nicht, dass ich was gegen märchen aus ganz anderen regionen hätte, oder neu geschriebene märchen - aber ich hätte auch was gegen märchenverfilmungen, in denen das blut allzu realistisch tropft oder die verbrennung im detail gezeigt wird.
Da bist du voll in den 50er Jahren: Da drehte man Western, in denen Reihenweise Indianer getötet wurden, dabei aber seltsamerweise kein Blut floss bzw. zu sehen war. Man zensierte sogar Donald Ducks Comics - aus einer Pistolenkugel wurde ein Schneeball.

ich denke es ist auch richtig, dass jugendschutz vorgeht. meinungsfreiheit ist sehr wichtig, aber das psychische wohl von kindern ist noch wichtiger - und wie gesagt, ich sage ja nicht, dass die spiele per se verboten sein sollen, aber ich finde es vollkommen richtig, sie nicht kindern zugänglich zu machen.
Was Kinder in die Hände bekommen dürfen und was nicht, dafür ist nicht der Staat verantwortlich, sondern die Eltern – sie haben das Erziehungsmonopol. Dass es auch Eltern gibt, die nicht in der Lage sind, Kinder zu erziehen, darf kein Grund sein, Meinungsfreiheit generell einzuschränken. Aber gerade das passiert in diesem Land.

die andere frage, zur gewaltpornographie (für und von erwachsenen), sehe ich etwas anders - das gesetz ist was das angeht doch ziemlich unklar formuliert (tiere, okay, das ist relativ eindeutig)
Tiere sind okay? Warum ist es verboten über etwas zu schreiben, was im realen Leben konkret auszuüben nicht verboten ist? Schon hier sieht man, dass hinter diesem Verbot nichts als Scheinheiligkeit steht: Es soll nicht allzu bekannt werden, dass es Menschen gibt, die sich mit Tieren sexuell vergnügen.

- ab wann ist etwas gewalt in diesem zusammenhang? es gibt da dinge die meiner meinung nach weit über die grenzen des guten geschmacks hinausgehen, aber da das natürlich schwer zu umfassen ist, finde ich in dem fall ein verbot auch schwierig. schließlich muss ich mir ja die frage stellen, ob nicht einige meiner lieblingsgeschichten auf lit da auch schon zugehören... und wieviele leute sich dann theoretisch strafbar machen, ohne es überhaupt zu wissen... und da frage ich mich schon nach dem sinn des verbotes.
Ganz meine Meinung - hätte ich nicht gedacht, dass wir beide in diesem Punkt noch zusammen kommen.
 
Es ist aber kaum bekannt, dass es da zwei Paragraphen gibt. Für mich war §184a vor allem ein Paragraph gegen Tierpornografie. Der Zusatz "gewalttätig" war mir da neu, und eigentlich ist §184a damit ein Gummi-Paragraph, denn gewalttätige Pornografie wird damit nur ab einer gewissen öffentlichen Wahrnehmung verboten, ansonsten toleriert. Gewaltverherrlichung ist dagegen schon als Existenz verboten.
Fakt ist, dass „einfache“ Gewaltdarstellungen eher toleriert werden (z.B. in Krimis und Kriegsfilmen), kommt aber zu ebensolchen Gewaltdarstellungen die sexuelle Komponente hinzu, greift der § 184a. Mit anderen Worten: Diese Gesellschaft ist gegenüber Gewalt wesentlich toleranter (Beispiel: das Sterben der Soldaten in Zeitlupe im Film „Der Soldat James Ryan“), als wenn Gewalt und Sex zusammen auftreten (Beispiel: Pasolinis „120 Tage von Sodom“).

Ein Problem dürfte aber sein, dass eine Indizierung nachträglich erfolgen kann, trotz vorheriger Prüfung, was in meinen Augen nicht nur Zensur, sondern willkürlicher Zensur gleichkommt, was eigentlich gegen das Grundgesetz verstosst, wenn ich mich nicht irre (bin nicht so der Paragraph-Freak ;)). Ist mir bei einem Spiel wie "Unreal Tournament" Ende der 90er Jahre aufgefallen: das Spiel war 2 Jahre lange erlaubt und in den Läden zum Verkauf, wurde sogar "Spiel des Jahres", bevor es rückwirkend indiziert wurde und aus dem Angebot genommen werden musste. In meinen Augen führt das die Existenz einer Indizierungsstelle ad absurdum. Diese Nachträglichkeit hat in meinen Augen auch nichts mehr mit Gerechtigkeit zu tun.
Es kommt noch Folgendes hinzu: Sobald ein Werk als pornografisch eingestuft wird, muss es mit 19% Mehrwertsteuer verkauft werden, was auch für alle schon verkaufte Exemplare gilt. Diese Steuer muss der Hersteller aus eigener Tasche bezahlen, denn er bekommt das Geld von den Buchhandlungen nicht, die ja ihrerseits das Werk schon mit bis dahin geltenden Steuersatz von 7% an den Endkunden verkauft haben. Man sieht: Nicht nur Russen sind in der Lage, politisch Unliebsames mit dem Mitteln des Finanzamts zu bekämpfen.

So langsam aber sicher glaub ich doch, ich bin wegen "free speech" hier..:D
Ich bin auch aus dem gleichen Grund hier: Nur hier konnte ich meine Geschichte „Der siebte Himmel“ veröffentlichen. Sonst bin ich auf der kurzgeschichten.de-Seite aktiv, wo ich meine „harmloseren“ Geschichten veröffentliche.
 
@ Weenie, das Putztuch bitte.

Sonst bin ich auf der kurzgeschichten.de-Seite aktiv, wo ich meine „harmloseren“ Geschichten veröffentliche.

Link einer Konkurenzseite
geht nun mal gar nicht.
 
Zumindest stört es nicht, weil das Internet sowohl für freie Meinungsäußerung als auch für alle Arten der Pornografie genug Kanäle bietet, die sich der nationalen staatlichen Kontrolle entziehen.
Das gilt nicht uneingeschränkt, denn auch die deutschen Ableger der Suchmaschinen haben sich verpflichtet, die in Deutschland indizierten Inhalte nicht zu listen. Das bedeutet konkret, dass man nur mit der amerikanischen google-Version (http://www.google.com/webhp?hl=en) alle Inhalte angeboten bekommt – die Eingabe google.com statt google.de nutzt nichts. Aber obwohl das die wenigsten Internetnutzer wissen, sind die deutschen Behörden seit einiger Zeit bestrebt, dieses Schlupfloch zu schließen und sollten sie damit Erfolg haben, werden wir auch im Internet nur das zu sehen bekommen, was der deutsche Staat für richtig hält.
 
Das gilt nicht uneingeschränkt, denn auch die deutschen Ableger der Suchmaschinen haben sich verpflichtet, die in Deutschland indizierten Inhalte nicht zu listen. Das bedeutet konkret, dass man nur mit der amerikanischen google-Version (http://www.google.com/webhp?hl=en) alle Inhalte angeboten bekommt – die Eingabe google.com statt google.de nutzt nichts. Aber obwohl das die wenigsten Internetnutzer wissen, sind die deutschen Behörden seit einiger Zeit bestrebt, dieses Schlupfloch zu schließen und sollten sie damit Erfolg haben, werden wir auch im Internet nur das zu sehen bekommen, was der deutsche Staat für richtig hält.

Durch die Nutzung von Proxies lässt sich Zensur bekanntermaßen aushebeln. Aber das kann man sich eigentlich auch sparen, da keine Zensurbestrebung der kreuz und quer Verlinkung im Internet hinterher käme. Das heißt, was auf Google nicht auftaucht kann auch über andere Wege gefunden werden.
 
Durch die Nutzung von Proxies lässt sich Zensur bekanntermaßen aushebeln. Aber das kann man sich eigentlich auch sparen, da keine Zensurbestrebung der kreuz und quer Verlinkung im Internet hinterher käme. Das heißt, was auf Google nicht auftaucht kann auch über andere Wege gefunden werden.
Klar ist das zu umgehen – eine Umgehungsmöglichkeit habe auch ich schon genannt. Aber erstens sind diese Dinge nicht vielen bekannt, und zweitens, ist es nicht beschämend für eine sich frei nennende Gesellschaft, dass man sich als normaler Bürger solcher Methoden bedienen muss?
 
Da bist du voll in den 50er Jahren: Da drehte man Western, in denen Reihenweise Indianer getötet wurden, dabei aber seltsamerweise kein Blut floss bzw. zu sehen war. Man zensierte sogar Donald Ducks Comics - aus einer Pistolenkugel wurde ein Schneeball.

Was Kinder in die Hände bekommen dürfen und was nicht, dafür ist nicht der Staat verantwortlich, sondern die Eltern – sie haben das Erziehungsmonopol. Dass es auch Eltern gibt, die nicht in der Lage sind, Kinder zu erziehen, darf kein Grund sein, Meinungsfreiheit generell einzuschränken. Aber gerade das passiert in diesem Land.

Tiere sind okay? Warum ist es verboten über etwas zu schreiben, was im realen Leben konkret auszuüben nicht verboten ist? Schon hier sieht man, dass hinter diesem Verbot nichts als Scheinheiligkeit steht: Es soll nicht allzu bekannt werden, dass es Menschen gibt, die sich mit Tieren sexuell vergnügen.

Ganz meine Meinung - hätte ich nicht gedacht, dass wir beide in diesem Punkt noch zusammen kommen.

bizarre gegenbeispiele wie mit den schneekugeln gibt es wohl immer - aber die western wären auch nicht besser geworden wenn es von blutlachen nur so geschwommen hätte. ich fände sie wohl so oder so für meine kinder nicht gut, aber blut und rumspritzende gehirnteile hätten tatsächlich zur folge, dass ich da weitaus länger (also bis zu höherem alter) der meinung wäre, dass sie das nicht sehen dürfen.

vielleicht muss man auch etwas differenzieren nach alter der kinder und was es ist - aber eine allgemeine freigabe von allem für alle halte ich für schwierig und schädlich für die kinder.

es muss ja auch trotzdem irgend etwas für die kinder getan werden, deren eltern nicht in der lage sind sie zu erziehen. wenn alle rechte bei den eltern gehen, und manche ihre kinder gerne ständig verprügeln wollen, heißt das dann auch, dass das (endlich bestehnde) verbot desselben falsch ist, weil es in die rechte der eltern einschneidet? und dies führt uns ja WIEDER zu der frage zurück, die wir beide nicht beantworten können: was ist denn nun mit dem erziehungsmonopol all der eltern, die ihre kinder von solchen spielen fernhalten wollen, wenn der videoladenbesitzer ihrem kind eins verkauft und sie ihn dafür nicht anzeigen können? heißt dass, die eltern dürfen ihrem kind in einem solchen fall kein taschengeld geben um sicherzustellen, dass es sowas nciht kauft? oder es nie aus den augen lassen?

mit "tiere, okay" meinte ich, wie es ja dann auch weiter heißt, dass dies eindeutig ist - ob falsch oder richtig, dazu habe ich mich nicht geäußert und werde es auch nicht, weil ich mich mit dem thema noch nie befasst habe. was ich gesagt habe ist nur, dass das etwas relativ eindeutig definierbares ist (wenn man dann nicht weiter in den bereich von tierähnlichen fantasygestalten geht) - gewalt ist deutlich weniger eindeutig, wenn man beispielsweise in den bdsm-bereich schaut - ist spanking schon gewalt? was ist mit auspeitschen (im gegenseitigen einverständnis), oder blut-spielereien oder was es da so alles gibt? und dann weiter im non-consent bereich? ab wann ist eine geschichte da gewalttätig? schon wenn sie ja gleich nach dem "nein" dann doch "jajaja" schreit, oder erst wenn es wirklich eine beschriebene vergewaltigung ist, oder vielleicht nur wenn das opfer dabei umgebracht wird?

das war es, das ich meinte - der begriff "gewalt" ist äußerst schwammig und lädt zu willkürlichen verboten ein, weil gewalt eben doch recht häufig in irgendeiner form vorkommt, und es interpretationssache ist, ab wann "härtere" pornographie dann gewaltpornographie ist.
 
Klar ist das zu umgehen – eine Umgehungsmöglichkeit habe auch ich schon genannt. Aber erstens sind diese Dinge nicht vielen bekannt, und zweitens, ist es nicht beschämend für eine sich frei nennende Gesellschaft, dass man sich als normaler Bürger solcher Methoden bedienen muss?

Ich glaube von Rita Süßmuth stammt der Spruch, das Internet spalte die Bevölkerung in User und Loser. Immerhin lässt es unsere Gesellschaft zu, dass man sich zum User entwickeln kann. Das Wissen ist vorhanden und man muss es nur abrufen.

Eine Gesellschaft kann eigentlich nie wirklich frei sein. Das wäre Anarchie.
 
Es geht auch anders

was ist denn nun mit dem erziehungsmonopol all der eltern, die ihre kinder von solchen spielen fernhalten wollen, wenn der videoladenbesitzer ihrem kind eins verkauft und sie ihn dafür nicht anzeigen können? heißt dass, die eltern dürfen ihrem kind in einem solchen fall kein taschengeld geben um sicherzustellen, dass es sowas nciht kauft? oder es nie aus den augen lassen?
Das Problem ließe sich vielleicht so lösen wie mit dem Alkohol: Es darf nicht an Minderjährige verkauft werden, obwohl es in jedem Laden zu haben ist. In Italien gibt es z.B. kaum Pornoläden, weil Pornos auch in normalen Buchhandlungen zu bekommen sind – das verpackte „gefährliche“ Material ist für Kinder nicht erreichbar, weil in höheren Regallagen ausgestellt, und das Personal schaut schon, wer es kauft.

Der Grund ist, dass es in Italien wie auch in Österreich offiziell keine Pornos gibt – es gibt nur literarische Werke, die auch Obszönes und/oder Gewalttätiges enthalten. Entsprechend leger geht bzw. ging Italien auch mit Pornofilmen um. Es gab keine Pornokinos und die nächtliche Ausstrahlung von Pornofilmen im Free-TV wurde erst 2007 verboten – auf Druck der EU, hier insbesondere Deutschlands und Englands.

gewalt ist deutlich weniger eindeutig, wenn man beispielsweise in den bdsm-bereich schaut - ist spanking schon gewalt? was ist mit auspeitschen (im gegenseitigen einverständnis), oder blut-spielereien oder was es da so alles gibt? und dann weiter im non-consent bereich? ab wann ist eine geschichte da gewalttätig? schon wenn sie ja gleich nach dem "nein" dann doch "jajaja" schreit, oder erst wenn es wirklich eine beschriebene vergewaltigung ist, oder vielleicht nur wenn das opfer dabei umgebracht wird? das war es, das ich meinte - der begriff "gewalt" ist äußerst schwammig und lädt zu willkürlichen verboten ein, weil gewalt eben doch recht häufig in irgendeiner form vorkommt, und es interpretationssache ist, ab wann "härtere" pornographie dann gewaltpornographie ist.
Gegen Schilderung einer Vergewaltigung hat auch bei uns kein Staatsanwalt was, es sei denn, diese Schilderung ist nicht allzu detailliert. Dies im Gegensatz zur Schilderung eines Mordes, wo man jeden kleinsten Handgriff beschreiben kann inkl. Gefühlsleben des Mörders/Opfers währenddessen.

Aber sobald bei Gewalt etwas Sexuelles dabei ist oder gar die Hauptrolle spielt, ist man als Autor oder Verleger akut von einer Beschlagnahme und folgenden Anklage unter dem Hinweis auf § 184a gefährdet. Das ist das, was mir an deutscher Gesetzgebung so stinkt.

Obwohl alle Statistiken dagegen sprechen, wird nach wie vor so getan, als ob mit dem Verbot bestimmter Literatur, die realen Straftaten (z.B. Vergewaltigungen) wenn nicht verhindert, so doch minimiert würden.

Apropos Alkohol: Obwohl jeder weiß, dass Alkohol einen größeren Einfluss auf Sexualstraftaten hat als die Pornographie, fordert niemand ernsthaft in diesem Zusammenhang ein Alkoholverbot.
 
Eine Gesellschaft kann eigentlich nie wirklich frei sein. Das wäre Anarchie.
Das stimmt. Allerdings wurden und werden die sicher nötigen Grenzen von Leuten gezogen, die offensichtlich kein Verständnis für Andersdenkende und Andersfühlende hatten und haben: Von Vanilles für Vanilles.
 
Das Problem ließe sich vielleicht so lösen wie mit dem Alkohol: Es darf nicht an Minderjährige verkauft werden, obwohl es in jedem Laden zu haben ist. In Italien gibt es z.B. kaum Pornoläden, weil Pornos auch in normalen Buchhandlungen zu bekommen sind – das verpackte „gefährliche“ Material ist für Kinder nicht erreichbar, weil in höheren Regallagen ausgestellt, und das Personal schaut schon, wer es kauft.

Der Grund ist, dass es in Italien wie auch in Österreich offiziell keine Pornos gibt – es gibt nur literarische Werke, die auch Obszönes und/oder Gewalttätiges enthalten. Entsprechend leger geht bzw. ging Italien auch mit Pornofilmen um. Es gab keine Pornokinos und die nächtliche Ausstrahlung von Pornofilmen im Free-TV wurde erst 2007 verboten – auf Druck der EU, hier insbesondere Deutschlands und Englands.

Gegen Schilderung einer Vergewaltigung hat auch bei uns kein Staatsanwalt was, es sei denn, diese Schilderung ist nicht allzu detailliert. Dies im Gegensatz zur Schilderung eines Mordes, wo man jeden kleinsten Handgriff beschreiben kann inkl. Gefühlsleben des Mörders/Opfers währenddessen.

Aber sobald bei Gewalt etwas Sexuelles dabei ist oder gar die Hauptrolle spielt, ist man als Autor oder Verleger akut von einer Beschlagnahme und folgenden Anklage unter dem Hinweis auf § 184a gefährdet. Das ist das, was mir an deutscher Gesetzgebung so stinkt.

Obwohl alle Statistiken dagegen sprechen, wird nach wie vor so getan, als ob mit dem Verbot bestimmter Literatur, die realen Straftaten (z.B. Vergewaltigungen) wenn nicht verhindert, so doch minimiert würden.

Apropos Alkohol: Obwohl jeder weiß, dass Alkohol einen größeren Einfluss auf Sexualstraftaten hat als die Pornographie, fordert niemand ernsthaft in diesem Zusammenhang ein Alkoholverbot.

nun, dem kann ich im grunde allem zustimmen. solange es nicht an kinder herausgegeben wird, kann es auch in normalen läden verkauft werden - schließlich werden ja auch nichtpornographische filme mit altersbeschränkungen in normalen läden verkauft, und so weit ich weiß, auch die gewalttätigen spiele - nur eben nicht an kinder. dass es dinge gibt, die für erwachsene sind, wissen kinder normalerweise auch und akzeptieren das erstmal (klar gibt es irgendwann auch mal proteste und sie probieren heimlich alkohol und zigaretten und sehen sich die filme ab 18 an - und in einem gewissen masse gehört das ja sogar zum aufwachsen, dass man die grenzen ausprobiert und rebelliert und so).

insofern sind wir, was das angeht, einer meinung.
 
Zensur im Namen des Jugendschutzes

Ein Krimi (Polizeiruf 110) ist fertiggestellt und Pressebroschüren werden verteilt, in denen Sendetermin auf den 25. September um 20.15 Uhr festgelegt ist. Da kommt der Einwand der Jugendschutzbeauftragten des Bayerischen Rundfunks: Die Botschaften des Films, "Staat versagt komplett, keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse", seien geeignet, "Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen. Daher ist eine Sendezeit ab 22 Uhr angemessen".

Und weiter heißt es in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung: In einem Katalog zum Jugendmedienschutz wird aufgelistet, worauf die Jugendmedienschützer genauer schauen: auf "Verletzungen" (beispielsweise Tötungsszenen, offene Wunden, zerquetschte Unfallopfer), "bedrohliche Situationen" (wimmernde Opfer, ängstliche Schreie), "Körper, die in einer inhumanen und abnormalen Weise dargestellt werden", (explizite) "Sexualität", "faschistisches Gedankengut und Herrenmenschensymbolik", "explizite Gewaltausübung und Kriegshandlungen", "Naturkatastrophen" (Tsunamis, Tornados, einstürzende Häuser), Selbstschädigung (Koma-Saufen, Suizid) und "psychische Extremsituationen" (Mobbing, Inzestschwangerschaft, Geiselnahme).

Das allermeiste davon steht mehr oder weniger regelmäßig auf der Nachrichtenagenda und wird damit in News-Sendungen oder TV-Magazinen thematisiert. Ein Jugendschutzkriterium "Hilflosigkeit des Staates" existiert allerdings nicht. Genau das ist der zentrale Vorwurf, den die Jugendschutzbeauftragte Mader an Redaktion, Regie und Produktion von "Denn sie wissen nicht, was sie tun" erhebt.

In ihrer Beurteilung heißt es: "Der Staat ist hilflos, weder gegen den wegen sexuellen Missbrauchs eines Mädchens überführten Täter noch gegen den Selbstmordattentäter hat der Staat eine Chance. Beide sterben und ,gewinnen' damit, indem sie sich dem Staat erfolgreich entziehen können." Oder: "Die Polizei hat die Sache offensichtlich nicht im Griff". Oder auch: "Die Hilflosigkeit des Staates wird in den 'Tunnelszenen' fortgesetzt".

Die Botschaft "der Hilflosigkeit des Staates", so fasst Mader ihr Schreiben zusammen, "geht damit einher, dass der Film keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse bietet. Alle - bis auf den Kommissar -, die zur staatlichen Ebene gehören, werden mehr oder weniger als ‚Hampelmänner', als Karikaturen gezeichnet: Bürokratische Hemmnisse, Kompetenzgerangel, persönliche Abneigungen, Staat kaschiert Fehler, die Kommissarin droht dem Attentäter Gewalt an".

Abgesehen davon, dass in Steinbichlers Polizeiruf niemand gewinnt, ist das eine beinahe absurde, auch weltfremde Jugendschutzauffassung.


Absurd ja, aber leider tägliche Praxis, nur erfährt man davon nicht immer: Hier war das dem Münchner Filmfest zu verdanken, zu dem die Pressebroschüre eilig verteilt werden müssten, bevor die Zensur, hierzulande in Person von „Jugendschutzbeauftragten“ agierend, zuschlagen konnte.

PS: Heute erschien in der Süddeutschen Zeitung ein neuer Artikel, in dem der Bayerische Rundfunk mit der Aussage zitiert wird, dass die dargestellte Schutzlosigkeit des Staats bei der Versetzung des Termin auf 22 Uhr keine Rolle spielte, sondern

"Der Anschlag des Selbstmordattentäters, die Tunnelszenen und die Szenen vor dem Tunnel sind für die jugendschutzrechtliche Bewertung die wesentlichen Szenen. Die Vielzahl der schrecklichen Bilder nach dem Selbstmordattentat im Tunnel und die durchgängig gehaltene Spannung, durch die Angst vor einem weiteren Attentat, sind für Kinder als problematisch anzusehen. Entspannende Momente finden kaum statt."
 
@Erpan

Das stimmt. Allerdings wurden und werden die sicher nötigen Grenzen von Leuten gezogen, die offensichtlich kein Verständnis für Andersdenkende und Andersfühlende hatten und haben: Von Vanilles für Vanilles.

Immerhin siehst du das ein, "Erpan." Dass es totale Freiheit nicht geben kann, wie "Dusty 68" richtig sagt.
Das gilt auch für die Meinungsfreiheit.
Da zieht jedes Land andere Grenzen und hat ein anderes Verständnis darüber.
Das ist historisch und kulturell gewachsen.
Das hat überhaupt nix mit "Kein Verständnis für Andersdenkende und Andersfühlende" zu tun.
Und auch nichts mit "Von Vanilles für Vanilles."

Oder sind in deiner Vorstellung die deutschen Politiker, die diese Gesetze machen, "Vanilles" und du der einzige Durchblicker in Sachen "Richtiger Meinungsfreiheit?"
Das würde mich bei dir nicht wundern, "Erpan" und würde meine Überheblichkeit damit noch toppen (was ein echtes Kunststück ist!)
lg
"rosi" (Johannes)
 
@Erpan

Was vermittelt man mit dem Märchen Hänsel und Gretel? Dass es richtig ist, Selbstjustiz zu üben? Und was mit dem Struwwelpeter? Dass man grausam bestraft wird, wenn man nicht auf seine Eltern hört?

Klar, die Jugend könnte sonst z.B. bei „Robinson Crusoe“ erfahren, dass der Held Sklavenhändler war, mangels Gesellschaft auf der Insel regelmäßig onanierte ("I cannot describe what I owe to this gentle art.") und später den Knaben Freitag vielleicht nicht nur als Diener benutzte.

Bis in die 50er Jahre? Du bist nicht informiert – Züchtigungsrecht der Eltern wurde in Deutschland erst im Jahr 2000 abgeschafft. Und was soll dieser „Gott sei Dank“? War nicht Gott derjenige, der den Menschen gesagt hat „Wer seinen Sohn liebt, der züchtigt ihn“?

Wir sollten ihnen nicht einfach Gewaltvideos präsentieren, sondern ihnen offen sagen, wie diese von uns eingerichtete Welt wirklich ist. Mit anderen Worten: Wir sollten uns nicht als Heilige darstellen, weil wir das einfach nicht sind. Solange wir das nicht tun, sind wir nur scheinheilig.

Weil das Bundesverfassungsgericht eine Änderung nicht angeordnet hat.

Wenn man an die Folgen denken müsste, dürfte man auch keinen Kriminalroman verfassen, in dem z.B. eine neue Art des Tötens beschrieben würde. Beispiel: Was wäre, wenn einer sich das Motiv und das Vorgehen des Mörders im berühmten Roman „Das Parfum“ zu eigen machte und in die Tat umsetzte? Wäre dann Süßkind mitschuldig an den Morden? Oder ist Goethe schuld an der Epidemie an Selbstmorden, die in Folge seines Romans „Die Leiden des jungen Werthers“ durch ganz Europa schwappte?
Wenn man sich deine Frage zu Herzen nehmen würde, dürfte man nichts mehr schreiben, denn irgendwo gibt es immer einen, der das oder jenes missverstehen oder auf sich beziehen könnte.

- Dein Einwand gegen mein Argument "Verantwortung für das was man schreibt" ist korrekt.
Goethes "Werther" ist das beste Beispiel dafür.

- Wir enthalten den "Homo-Robinson-Crusoe" und den "Sklavenhändler-Robinson-Crusoe" den Kindern nicht aus Scheinheiligkeit vor oder weil wir uuns selbst besser machen, als wir sind.
Entwicklungspsychologen bestätigen, dass man Kindern und Jugendlichen die Dinge altersadäuguat beibringen sollte.
Bei dir hab ich den Eindruck, du hältst nur die "Schocktherapie" für geeignet und alles andere für Heuchelei??? Ist nur ne frage, "Erpan."

Ganz allgemein: Muss man alles zeigen, was es an Greuel gibt und wozu Menschen fähig sind???

- "Die 120 Tage von Sodom" (Pasolini)
Ich hab den Film viermal gesehen.
Manche erblicken darin ne Parabel auf den Faschismus.
Andere sehen was weiß ich noch alles...

(Film)Kunst liegt im Auge des Betrachters.
Hat Kunst einen Sinn? Nein. Der Betrachter gibt ihr einen. Oder auch nicht (dann ist es kein Kunstwerk)

Auch hier die Frage: Muss man die "120 Tage von Sodom" zeigen und/oder sehen?

"Erpan", ich bin ein ziemlicher Film-Freak (meine zweite Sucht neben der Büchersucht) und hab wohl so ziemlich jeden Filmklassiker inzw auf DVD.
"Die 120 Tage von Sodom"- Yepp! Wozu Menschen fähig sind, hab ich schon lange vor diesem Film gewusst.
Und den Faschismus kann man cineastisch auch anders abhandeln.

Wie ist deine Meinung dazu, "Erpan:" Verändern die "120 Tage von Sodom" irgend etwas? Muss man das zeigen? Muss man das sehen? Macht es irgenjemanden besser? Vermittelt er Einsichten, die es vor diesem Film noch nicht gab?
lg
"rosi" (Johannes)
 
um, die 120 tage von sodom sind aber auch literaturverfilmung und haben noch verschiedene andere interpretationen - nicht nur zu zeigen, wozu menschen fähig sind (und übrigens - das argument das man es ja trotzdem weiss, ist meiner meinung immer nur bedingt zutreffend... zum beispiel gerade wenn es um reale dinge geht. das hat jetzt natürlich nicht mit den 120 tagen von sodom zu tun, aber es gibt viele andere bücher in denen diverse brutale dinge beschrieben werden, von denen man theoretisch weiß dass sie wohl passieren, aber die einem eben erst durch den realen bericht bewußt werden... und selbst dann verdrängen sie die meisten gleich wieder erfolgreich...)

und das gegenteil von "vanillas" ist nicht "durchblicker in sachen meinungsfreiheit", das hat keiner behauptet, aber es ist tatsächlich so, dass viele gesetze zur sexualität oder deren darstellung noch gerne davon ausgehen zu scheinen, dass es etwas "normales" gibt und der rest nicht normal ist... nicht nur in deutschland, in einigen anderen (auch westlichen) ländern scheinen die gesetze da noch weitaus extremer zu sein (so hab ich grade gelesen dass es in großbritannien illegal ist, jemandem physisch weh zu tun, auch ohne lebensgefährdung und mit dessen einverständnis).
 
Kann Literatur(Kunst) die Welt verändern? Vielleicht.
Kann man mit Literatur(Kunst) jemand zwingen, sich zu verändern? Nein.
120 Tage von Sodom ist vermutlich eines der besten Beispiele dafür was Kunst ist.
Ein Spiegel der Menschlichen Seele. Er mag kein hübsches Bild wiedergeben. Er mag kein Wirklichkeitsgetreues Bild der Menschlichen Seele wiedergeben, aber trotzdem spiegelt er sie.
Genau darin liegt die Kunst: Menschen zu berühren, sie zu verstören, zu erregen, oder aber sie zum Nachdenken zu bringen.
Kunst begleitet den Menschen schon viele Jahrtausende. Auch die Verbindung von Sexualität und Kunst begleitet den Menschen so lange. Genauso wie die Gewalt.

Die Frage nach dem Bewerten von Kunst ist eine sehr Subjektive und immer wieder neugestellte Frage. Hier stellt sich in meinen Augen auch eine etwas andere Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Tolleranz?

Da gibt es 3 Grundrichtungen:
1. Alles was man selbst nicht versteht oder in das eigene Weltbild passt, wird abgelehnt und im Idealfall als böse, verwerflich, schädlich, gotteslästerlich, entartet, ... verboten.
Beispiele: Dritte Reich, Sowjetunion, Christentum(Mittelalter, Savonarola,christlicher Fundamentalismus in einigen angelsächsischen oder südlichen Ländern, ...), Islam(Taliban, Iran, Saudiarabien,...), ....
2. Man akzeptiert mit wenigen Ausnahmen alles(z.B. Verbot von Kinderpornographie in Deutschland)
3. Alles ist erlaubt(fällt mir kein Beispiel ein)
 
- Wir enthalten den "Homo-Robinson-Crusoe" und den "Sklavenhändler-Robinson-Crusoe" den Kindern nicht aus Scheinheiligkeit vor oder weil wir uuns selbst besser machen, als wir sind.
Entwicklungspsychologen bestätigen, dass man Kindern und Jugendlichen die Dinge altersadäuguat beibringen sollte.
Bei dir hab ich den Eindruck, du hältst nur die "Schocktherapie" für geeignet und alles andere für Heuchelei???
Welche Schocktherapie? Auch Kinder wissen, was ein Sklavenhändler war/ist, warum also wird in der Jugendausgabe des Robinson-Crusoe das verschwiegen? Es gibt nur eine Antwort darauf: Auf den Helden darf kein Makel fallen. Er wird geschönt, d.h. besser dargestellt als er in Wahrheit ist. Das ist Scheinheiligkeit und nichts anderes.

Ganz allgemein: Muss man alles zeigen, was es an Greuel gibt und wozu Menschen fähig sind???
Auch ich bin dafür, dass Kindern Dinge des Lebens behutsam beigebracht werden sollen. Aber ich bin dagegen, dass Jugendschutz dazu missbraucht wird, auch Erwachsene zu gängeln und zu bevormunden. Die Verschiebung des Polizeirufs 110 (Titel: "Denn sie wissen nicht, was sie tun") auf 22 Uhr – hier berichtete ich davon – wurde zuerst mit der dargestellten "Hilflosigkeit des Staates" begründet, jetzt, nachdem dieses Argument nicht zu halten war, mit „Die Vielzahl der schrecklichen Bilder nach dem Selbstmordattentat im Tunnel und die durchgängig gehaltene Spannung, durch die Angst vor einem weiteren Attentat, sind für Kinder als problematisch anzusehen.“

Für mich ist klar: Um 22 Uhr sieht in der Regel nicht einmal die Hälfte der Menschen fern, die sich sonst am Sonntagabend um 20:15 einen Krimi reinziehen. Das bedeutet, es sehen viel weniger Menschen diese "Hilflosigkeit des Staates", die "geht damit einher, dass der Film keine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse bietet. Alle - bis auf den Kommissar -, die zur staatlichen Ebene gehören, werden mehr oder weniger als ‚Hampelmänner', als Karikaturen gezeichnet: Bürokratische Hemmnisse, Kompetenzgerangel, persönliche Abneigungen, Staat kaschiert Fehler, die Kommissarin droht dem Attentäter Gewalt an".

Absicht dieser Aktion der „Jugendschützer“? Wenn schon der Staat nicht besser dargestellt wird als er ist, dann sollen das möglichst wenige Menschen sehen.
 
@Erpan

- Was deine Ausführungen zum "Polizeiruf 110" in Posting 119 betrifft, stimme ich dir absolut zu.

-"Robinson Crusoe"
"Auf den Helden darf kein Makel fallen" ("Erpan")
Ist das denn so schlimm? Es ist doch ein typisches Muster, das sich nicht nur durch die Literatur zieht, sondern auch durch den Film.

Archetypen.
Auf der einen Seite der strahlende Held. Auf der anderen Seite der Böse.
Das ist zwar nicht unbedingt realistisch, aber dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit, nach Identifikation, gibt es doch. Grade bei Kindern.

Sieh mal, das erinnert mich an meine Kinder-und Jugendzeit.
Fasching wollt ich nie "als Indianer gehen." Die haben immer verloren und wurden immer abgemurkst. Bekam ich durch zahlreiche Western im TV mit.
Ich fand das gar nicht gut und wollte deshalb immer zu den Cowboys.
Erst als ich mich etwas später mit der Frühgeschichte der USA beschäftigt hab, wurde mir dann klar, dass die Cowboys nicht unbedingt immer nur die Guten waren.

Na, vielleicht les ich mal wider eine der Jugendausgaben. "Lederstrumpf", zum Beispiel.
Mal sehen, ob ich den Eindruck habe, dass es geschoent ist bzw scheinheilig???
lg
"rosi" (Johannes)
 
120 Tage von Sodom ist vermutlich eines der besten Beispiele dafür was Kunst ist.
Ein Spiegel der Menschlichen Seele. Er mag kein hübsches Bild wiedergeben. Er mag kein Wirklichkeitsgetreues Bild der Menschlichen Seele wiedergeben, aber trotzdem spiegelt er sie.
Genau darin liegt die Kunst: Menschen zu berühren, sie zu verstören, zu erregen, oder aber sie zum Nachdenken zu bringen.
Kunst begleitet den Menschen schon viele Jahrtausende. Auch die Verbindung von Sexualität und Kunst begleitet den Menschen so lange. Genauso wie die Gewalt.
Mit der gesamten Aussage bin ich absolut einverstanden. Und ich finde, dass man bis zur Aufklärung damit wesentlich ungezwungener umgegangen ist als seitdem.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass zu jener Zeit der Teufel, als das personifizierte Böse, an Bedeutung verloren hat. Man konnte nicht mehr so wie früher, alles Schlechte und Böse, was der Mensch tat, auf den göttlichen Widersacher schieben – jetzt war man selbst verantwortlich, jetzt musste er sich eingestehen: Der Mensch selbst ist auch schlecht, böse, etc. Die Konsequenz daraus war: Sich zumindest besser darstellen. :D
 
@KrystanX

Kann Literatur(Kunst) die Welt verändern? Vielleicht.
Kann man mit Literatur(Kunst) jemand zwingen, sich zu verändern? Nein.
120 Tage von Sodom ist vermutlich eines der besten Beispiele dafür was Kunst ist.
Ein Spiegel der Menschlichen Seele. Er mag kein hübsches Bild wiedergeben. Er mag kein Wirklichkeitsgetreues Bild der Menschlichen Seele wiedergeben, aber trotzdem spiegelt er sie.
Genau darin liegt die Kunst: Menschen zu berühren, sie zu verstören, zu erregen, oder aber sie zum Nachdenken zu bringen.
Kunst begleitet den Menschen schon viele Jahrtausende. Auch die Verbindung von Sexualität und Kunst begleitet den Menschen so lange. Genauso wie die Gewalt.

Die Frage nach dem Bewerten von Kunst ist eine sehr Subjektive und immer wieder neugestellte Frage. Hier stellt sich in meinen Augen auch eine etwas andere Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Tolleranz?

Da gibt es 3 Grundrichtungen:
1. Alles was man selbst nicht versteht oder in das eigene Weltbild passt, wird abgelehnt und im Idealfall als böse, verwerflich, schädlich, gotteslästerlich, entartet, ... verboten.
Beispiele: Dritte Reich, Sowjetunion, Christentum(Mittelalter, Savonarola,christlicher Fundamentalismus in einigen angelsächsischen oder südlichen Ländern, ...), Islam(Taliban, Iran, Saudiarabien,...), ....
2. Man akzeptiert mit wenigen Ausnahmen alles(z.B. Verbot von Kinderpornographie in Deutschland)
3. Alles ist erlaubt(fällt mir kein Beispiel ein)

Interessantes Posting von dir, dem ich im Großen und Ganzen zustimme.

- Zunächst zu deiner Gretchenfrage: Wie hältst du es mit der Tolleranz?
"Krystan", in erster Linie so, dass ich Toleranz mit einem "L" schreibe und nicht mit zwei "L" (Lach)
(Hey, das war ein Witz. Tippfehler kommen vor. Auch bei mir).

-Jemanden zwingen, sich zu verändern, kann man meines Erachtens sowieso nicht. Auch nicht durch Kunst.

- Kunst als Spiegel der menschlichen Seele? Kunst ist etwas dann, wenn es Menschen berührt? Hm... dann sind die Bilder von Auschwitz auch Kunst.

Einig sind wir uns wohl darüber, dass die Wirklichkeit erschreckender ist, als jedes verstörende Kunstwerk, als jeder Film.
Gegen die Massaker in Ruanda gehen die "120 Tage" wohl als Heimatfilm durch.

- Die Bewertung von Kunst wird wohl immer subjektiv bleiben.

Laut Oscar Wilde ist der Künstler ein Schöpfer schöner Dinge.
Nach dieser Definition wären die "120 Tage" eindeutig KEIN Kunstwerk.

Oscar Wilde hat aber noch etwas gesagt:"In Wirklichkeit spiegelt die Kunst den Betrachter und nicht das Leben."
Das deutet meines Erachtens auf die Subjektivität jeder Bewertung eines Kunstwerks.

Und noch einmal Oscar Wilde: "Wenn die Kritiker uneins sind, befindet der Künstler sich in Einklang mit sich selbst."
Das würde deinem Satz entsprechen, die "120 Tage wären das beste Beispiel dafür, was Kunst ist.
Ein Satz, den ich im ersten Moment seltsam fand.
Vielleicht meinst du ihn so, dass ein Zeichen von Kunst ist, dass sie uns verstört und irritiert???

Ein Kunstwerk kann uns vielleicht nicht verändern, aber es kann etwas in uns auslösen. Einen Impuls nachzudenken, inne zu halten, etc....

Ich glaube, am besten hat es Umberto Eco getroffen mit seinem Begriff des "Offenen Kunstwerks."
Danach gibt es, wenn ich Eco richtig verstanden habe, niemals eine endgültige und definitiv richtige Interpretation eines Kunstwerkes.

Vielleicht hab ich "Erpan" bei der bisherigen "Free-Speech-Diskussion" einfach nur mißverstanden???
Ich dachte, er vertritt ein "Anything goes" und hält jede Einschränkung für Gängelei.
Ich hab mir einige Statements von ihm noch einmal durchgelesen.
Mein aktueller Eindruck:"Erpan" ist wohlgegen staatliche Gängelung, die Erwachsenen vorschreiben will, was sie sehen und lesen dürfen.
Dagegen gibt es durchaus gute Argumente.
lg
"rosi" (Johannes)
 
Last edited:
-"Robinson Crusoe"
"Auf den Helden darf kein Makel fallen" ("Erpan")
Ist das denn so schlimm? Es ist doch ein typisches Muster, das sich nicht nur durch die Literatur zieht, sondern auch durch den Film.
Es gibt keine makellosen Helden. Je früher der Mensch das weiß, desto kritischer wird er gegenüber angeblichen Helden – in unserer Zeit war die Verehrung der Mutter Teresa nur möglich, weil man sie nicht kritisch genug betrachtete bzw. betrachten wollte, war sie doch ein wunderbares Aushängeschild für die „Barmherzigkeit“ der katholischen Kirche.

Fasching wollt ich nie "als Indianer gehen." Die haben immer verloren und wurden immer abgemurkst. Bekam ich durch zahlreiche Western im TV mit.
Ich fand das gar nicht gut und wollte deshalb immer zu den Cowboys.
Erst als ich mich etwas später mit der Frühgeschichte der USA beschäftigt hab, wurde mir dann klar, dass die Cowboys nicht unbedingt immer nur die Guten waren.
Western wurden für Erwachsene von Weißen gemacht, die sich darin schöner und besser machten als sie in Wirklichkeit waren. Das war Scheinheiligkeit pur und vielleicht wurden die Filme gerade deshalb so erfolgreich. Jedenfalls waren Western, die sich etwas kritischer mit der Zeit befassten keine Publikumsrenner. Das sagt viel über uns Menschen: Wir wollen belogen werden. Wir wollen glauben, dass wir gut sind.

Deshalb werden jene, die uns den ehrlichen Spiegel vorhalten, oft als Nestbeschmutzer oder als Verräter am eigenen Volk gebrandmarkt.

Schuld daran ist vielleicht die falsche Erziehung, die den Kindern vorgaukelt, der Mensch ist edel und gut. Umso härter später die Enttäuschung, ja Hass gegen jene, die einem immer wieder vor Augen führen, dass der Mensch mitnichten das ist, was einem als Kind erzählt wurde.

Deswegen auch die wütenden Reaktionen beim Film „120 Tage von Sodom“, die natürlich vor allem von der konservativen Seite kamen. Es sind ja gerade die Konservativen, die ihren Kindern mittels „Jugendschutz“ schöne heile Welt vorspielen. Sie wollen dann natürlich nicht, dass ihre Lügen bekannt werden. Das gleiche passierte mit der Wehrmachtsaustellung, mit der eine Jahrzehnte lang gepflegte Lüge zusammenbrach. Biedere Männer und liebende Familienväter sollen alte Männer, Frauen und Kinder in die Dorfkirchen getrieben und beim lebendigen Leib verbrannt haben? Unmöglich!

Aber es war möglich und es ist auch jetzt möglich – siehe hier. In Punkto Grausamkeit hat sich beim Menschen seit Jahrtausenden nichts geändert.
 
Erpan, vor genau dem Clash lag ich, als ich neben dem Heileweltbild des Kath. Religionsunterrichts, wo nur von den armen Christlichen Märthyern die Rede war, auf einmal die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen, die Unterdrückung andersgläubiger etc. kennen gelernt habe. Als 10-12 Jähriger stand ich dann auf einmal vor den Trümmern eines Glaubens. Sogesehen hat der Jugendschutz bei mir versagt. Vielleicht sollten wir einfach Geschichtsbücher auf den Index für Jugendgefährden Schriften setzen. Mir haben sie jedenfalls sehr viel Blauäugigkeit geraubt ;)
 
@Erpan (Zu deinem Posting 123)

Zustimmung.

Der Mensch ist zu beidem fähig. Zum positiven und zum negativen, und jeder Versuch, das "sogenannte Böse" (K. Lorenz) zu eliminieren, ist zum Scheitern verurteilt.
Der Mensch muss das Janusgesicht seiner Natur akzeptieren.

Was Western betrifft: Jede Nation pflegt ihre Mythen und Legenden.
John Wayne hat "Alamo" als patriotischen heldenhaften Abwehrkampf der US-Boys gegen Santa Ana inszeniert.
Dasselbe bezüglich Vietnam. "Die grünen Teufel vom Mekong" (wieder John Wayne)
Und später Stallone`s "Rambo 02."

Filme, die diese Perioden kritisch aufarbeiten, hatten es an den Kinokassen in der Tat meistens schwer.
Aber es gibt viele bemerkenswerte Ausnahmen.
Beim Western "Der Mann der Liberty Valance erschoß" (erneut John Wayne) und später Kevin Costners "Der mit dem Wolf tanzt."

Und was Vietnam betrifft gab es ab Mitte- Ende der 70iger Jahre eine Menge US-Filme, die dieses Kapitel sehr kritisch aufarbeiteten ("Die durch die Hölle gehen", 1976, "Coming Home" 1977, "Platoon", 1987, u.v.a.), und alle waren auch Publikumsrenner.

Was ich damit sagen will: es ist durchaus möglich, einer Nation durch (Film)Kunst den Spiegel vorzuhalten.
Manchmal braucht das allerdings einige Zeit.

Die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht fand ich persönlich beeindruckend. Ich denke, es war wichtig, mit der Zweiteilung der "bösen" SS und der "guten" Wehrmacht aufzuräumen.
Als hätte das NS-Regime nur aus der SS bestanden.
Das war auch für mich persönlich interessant. Mein Vater war nämlich 6 Jahre bei der Wehrmacht und aus Diskussionen mit ihm kannte ich diese problematische Zweiteilung.
Er hat das NS-Regime zwar nie gerechtfertigt (im Gegenteil), aber dennoch kam oft dieser Konflikt zutage ("Wir haben nur unsere Pflicht getan", "Soldateneid", usw), den viele seiner Generation auszutragen hatten.
Leider hat er die Wehrmachtausstellung selbst nicht mehr erlebt.
Man findet diesen Konflikt oft auch in Schriften und Interviews des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt angesprochen.
lg
"rosi" (Johannes)
 
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